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Im Grunde gut von Rutger Bregman (Buchrezension)

https://www.amazon.co.uk/Im-Grunde-gut-Geschichte-Menschheit/dp/3498002007

April 2022: Abiturvorbereitung. Eigentlich sollte ich fürs Matheabi üben, aber als ich auf eine Folge sternstunde philosophie mit Rutger Bregman treffe, verändern sich meine Pläne. Die restlichen Wochen verbrachte ich nicht mit einer ausgewogenen Vorbereitung auf alle Fächer, haha. Ich vertiefte mich wie ein Irrer in die Anthropologie.

Rutger Bregmans „Im Grunde gut“ war das erste Buch, das ich las. Die Behauptung war hoffnungsvoll und das Interview in der sternstunde überzeugend. Und zumindest nach dem ersten Lesen war ich begeistert bis ich mir die Argumentation nochmal genauer anschaute.

Der philosophische Ringkampf zwischen Rousseau’s Natur- und Hobbes Kulturmensch schien entschieden: Hobbes hatte gewonnen und Rousseau’s Vorstellungen werden höchstens in der Frühpädagogik wiedergefunden. Doch Bregman stellt dieses Narrativ jetzt in Frage: Rousseau hatte doch recht. Der Mensch ist gut.

Im Laufe des Buchs entzaubert er in mitreißender Manier eine Reihe an vermeintlichen Belegen der bösen Natur des Menschen. Neben dem „Herr der Fliegen“ müssen auch zwei der renommiertesten Psychologie Studien herhalten: Stanley Milgrams Schockexperiment und das allbekannte Stanford-Prison-Experiment.

Darüber hinaus legt er Belege aus der modernen Biologie vor. Brian Hare’s Survival of the friendliest wäre der neueste Beweis dafür, dass der Mensch von Natur aus gut veranlagt ist.

Außerdem würde der Mensch sich in einer Art selbsterfüllender Prophezeiung befinden. Solange wir uns als inherent böse Wesen charakterisierten, würden wir durch den Nocebo-Effekt dazu beitragen, dass sich unsere Mitmenschen auch dementsprechend verhalten.

Bregman’s Buch liest sich flüssig und angenehm. Es ist keine besonders herausfordernde Lektüre, die einem gleichzeitig ein außergewöhnliches Gefühl von magischem Erkenntnisgewinn verleiht. „Ach so war das also in Wirklichkeit? Das ist ja alles falsch?!“.

Dabei läuft man als Leser Gefahr, die Sensation aus dem Affekt heraus als Argument zu werten. Die Widerlegung überholter Narrative und Entlarvung falscher psychologischer Experimente hat einen hohen Unterhaltungswert, trägt aber substanziell wenig bei. Auch spannende Geschichten über den Nocebo- und Placebo-Effekte sind nur entfernt mit der tiefgründigen Frage verwandt, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse ist.

Ich muss an „Grenzgänger Studios“ denken, von dem ich mir gestern eine Reaktion auf ein Böhmermann-Video angeschaut habe und sich wiederholt über Böhmermann’s Instrumentalisierung der „Empörung“ als Argument beschwerte. Zurecht.

Wer nicht nur an Unterhaltung und guten Geschichten für den nächsten Freitagabend in der Bar interessiert ist, findet weit bessere Lektüren. Ich empfehle als Einstieg jegliche Podcastfolgen mit Richard Wrangham. Und auch von Bregman kritisierte oder neutral referierte Werke im Original nachzulesen, mag einen weit fundierteren Einblick liefern (Steven Pinker z.B.).

Ansonsten, und das ist meine beste Empfehlung, rate ich dazu meinen Aufsatz zu dem Thema zu lesen. Dieser ist das Produkt der unausgewogenen Vorbereitung auf meine Abiturprüfungen und absolut lesenswert!

„Im Grunde Gut“ empfiehlt sich für den durchschnittlichen Philosophie-Interessierten als gute Unterhaltungslektüre vor dem Schlafengehen. Dabei sollte man aufpassen, sich von seinem ungehaltenen Optimismus nicht zu sehr einfangen zu lassen.

Wer sich für skurille Anekdoten und entlarvte Lügengeschichten interessiert, der wird in diesem Buch im Übermaß bedient. Nur aus diesem einem Buch lassen sich eine Menge an spannenden Geschichten herausfiltern. Einige habe ich vor Längerem auf meinem Instagram: @meyerjark.de illustriert.

https://www.instagram.com/p/CebwYxRM8hb/

Besonders ermutigend und persönlich am spannendsten fand‘ ich die Beispiele für alternative Lehrkonzepte, von denen Bregman am Ende erzählt. Im Großen und Ganzen hatte das Buch doch viele originelle Ideen und das muss man ihm – trotz meiner Abneigung gegen den Argumentationsstil – zugutehalten.

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