TM

Die Wissenschaft wird übergangen – wie immer

Seit Jahrzehnten werden Klimamaßnahmen ignoriert. Schon vor mehr als 10 Jahren wurde der Politik angeraten, Präventionsmaßnahmen für aufkommende Pandemien zu treffen und jetzt stehen wir hier. Solange es kein Notfall ist, wird die Wissenschaft eben ignoriert. Zu Beginn der Pandemie rückte sie immer wieder in den Vordergrund, doch jetzt beginnt eine Welle der Diskreditierung der Wissenschaft.

Unser guter Freund, die Wissenschaft. Sie bietet uns Tatsachen, grundfeste Aussagen, an denen wir Halt haben. Politiker wägen dabei zwischen den Interessen der Gruppen ab. Zum Beispiel auf der einen Seite die wirtschaftlichen Interesse durch die Lobbyarbeit vertreten, auf der anderen die Experten des Fachgebiets und ihre Einschätzung. In der Klimadebatte wurde oft im Sinne der Ökonomen entschieden und ein wissenschaftlicher Konsens des Klimawandels verleugnet. Damals ignoriert, jetzt wird sie diskreditiert.

Momentan wird unsere geliebte Wissenschaft nämlich tatsächlich angezweifelt. Ob Armin Laschet oder Christian Lindner. Die stetigen Meinungsänderungen der Experten seien nur schwierig mit der Entscheidungsfindung zu vereinbaren. Abgesehen von der Überzogenheit dieser Aussagen – “ „Wenn alle paar Tage die Meinung geändert wird, ist das auch für Politik schwierig“ (Armin Laschet) – wird etwas hier völlig außen vor gelassen. Markus Feldenkirchen bringt es in seiner Kolumne gut auf den Punkt:

„Ja, Virologen irren sich. Ei der Daus! Sie lernen dazu und korrigieren sich. Das macht die Wissenschaft nicht zum Problem, es ist ihr Wesenskern: die ewige Suche nach neuen Erkenntnissen, die niemals abgeschlossen ist, erst recht nicht bei einem Phänomen wie Corona, das gerade mal fünf Monate jung ist.“

So weit – so gut. Kommen wir zu einer anderen Gruppe Experten, die schon vor dem großen Ausbruch nicht ernst genommen wurden. Seit Jahren schlagen sie weitere Vorkehrungsmaßnahmen angesichts der nächsten, unausweichlichen Seuche vor – Die Epidemiologen.

Artikel im Siegel, 2006. Markus Becker schreibt über die Prognose von Pandemien:„Die Seuchen-Modellierung sei nicht nur hilfreich, um die Einflüsse von Vorbeugung, Therapie, Impfung und Hygiene-Maßnahmen zu berechnen, wenn die Pandemie bereits ausgebrochen sei. „Solche Programme können auch schon im Vorfeld helfen“, meint Buchholz – etwa, um Einfluss auf politische Entscheidungsträger auszuüben.“
RKI-Experte Buchholz über ein neues Modell zur Seuchenmodellierung. Vorbeugung von Epi- und Pandemien war schon vor langer Zeit Thema. 2005 entwickelten zwei Tübinger Forscher ein Simulationsprogramm für mögliche Ausbrüche, mit all ihren Facetten.

Nicht nur Epidemiologen warnten. Der große Bill Gates, vielleicht hat es ja jemand mitbekommen, hielt im Frühjahr 2015 einen Ted-Talk mit dem Titel: „The next outbreak? We’re not ready“. Er prophezeit, dass die größte Gefahr für unsere menschliche Population nicht von einer Atombombe, sondern von einem Virus ausginge. Über seine Stiftung „Bill and Melinda Gates Stiftung“ machte er immer wieder Druck auf Verantwortliche.

Südkorea, eins der wenigen Länder, dass ausreichend vorbereitet war. Sie haben gelernt aus der SARS-Epidemie 2002 und sorgten für Vorbereitungen. Genügend Tests und digitales Tracking Infizierter ermöglichten eine genaue Übersicht der Infektionsketten. Das hat Südkorea nicht mal eben so auf die Beine gestellt, die Ressourcen waren nun mal vorhanden.

Die Kurve der absoluten Fälle in Südkorea.

Natasha Azzopardi-Muscat, Berater im Europäischen Büro der Weltgesundheitsorganisation gab im SPIEGEL ein interessantes Interview zu von der EU vorgegebenen Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen. „Es gab einen starken Druck auf die Gesundheitssysteme, sich auf finanzielle Tragfähigkeit zu konzentrieren. Dabei wurde manchmal die weitere Perspektive, etwa der Personalmangel in Gesundheitsberufen, ignoriert“, so die ehemalige Präsidentin der European Public Health Association.

Antonella Stirati von der Universität Roma Tre geht von Sparmaßnahmen im italienischen Gesundheitswesen von 40% aus. Nichts gegen die allgemeine Politik der EU, aber vielleicht sollte man nicht gerade im Gesundheitswesen sparen. Das rächt sich momentan gewaltig.

Entgegen aller Prognosen einer kommendenen Pandemie und ihrer Folgen wurde die Wissenschaft ignoriert. Jetzt ist man auf sie angewiesen und plötzlich ist sie bedeutsam, aber auch nur, solange sie alles perfekt macht. Das ist idealistischer Schwachsinn. Hätte man vorrausgedacht und unser Gesundheitswesen nicht zu Tode gespart, hätten wir es um einiges leichter. An sich können wir uns noch glücklich schätzen, angesichts der Lage in unserem Land. Trotzdem, mit einer europaweiten Präventionspolitik hätten sich die Schäden minimieren lassen können, denn erst mit dem Ausbruch i Europa geriet die Lage außer Kontrolle.

Share the Post:

Related Posts

Die Selbstgerechten

Sahra Wagenknecht lässt die Linke hinter sich und gründet eine eigene Partei. Damit erreichen die Unruhen im politischen Deutschland einen

Read More