Einen Tag nach Weihnachten fange ich mit dem an, was schon vor drei Monaten fällig gewesen wäre: Der Bericht über mein erstes Jahr an der Bucerius Law School. Diese Verzögerung ist charakteristisch für das Studium an der Bucerius Law School. Alles andere rückt schnell in den Hintergrund.

Das ändert nichts daran, dass sich viele Studierende der Law School weiterhin aktiv in innerhalb und außerhalb der Hochschule  engagieren. Trotzdem fällt es auf, dass bei vielen Kommilitonen extracurriculare Interessen schnell zweitrangig werden. Es fällt gerade deshalb auf, weil viele Studierende vor dem Studienstart sehr engagiert und vielfältig interessiert waren. Teilweise waren sie sogar sehr erfolgreich in ihren Disziplinen.

Aus diesem Grund war ich am Anfang auch sehr beeindruckt von dem, was einige Kommilitonen schon geschafft haben: Mitglieder im Gemeinderat, Preisträger bei Jugend debattiert oder Leistungssportler vor dem Sprung in den Profibereich. Viele haben spannenden Erfahrungen im Ausland gesammelt. Gleichzeitig darf man sich von diesen Leistungen und Erfahrungen nicht einschüchtern lassen. Der auffällige Lebenslauf ist keineswegs ein Muss. Die Studierenden der Law School zeichnen sich (in der Regel) durch ihre Persönlichkeit aus.

Das Jura-Studium an der Bucerius punktet dadurch, dass es über den juristischen Pflichtfachstoff hinausgeht. Studierende müssen Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften erlernen, sich mit dem angloamerikanischen Recht auseinandersetzen und eine Reihe von geisteswissenschaftlichen Kursen (Studium Generale) besuchen. Darüber hinaus gibt es ein breites Angebot an Wahlkursen, die meist von hochkarätigen Dozenten betreut werden.

Im stressigen Alltag fallen diese „außerjuristischen“ Angebote und Pflichten gerne hintenüber, sodass sich durchaus die Frage stellt, ob Anspruch und Wirklichkeit von Jura „Plus“ nicht auseinanderfallen. Auch wenn viele dieser Angebote oft nach dem Paretoprinzip wahrgenommen werden und wir auch gerne mal unseren Unmut über manche zusätzliche Belastung äußern, empfinde ich diese Kurse als große Bereicherung für die Hochschule und für mich ganz persönlich. Es ist immer wieder interessant zu hören, auf dem Weg zu welchem Kurs sich Freunde und Kommilitonen gerade befinden.

An der Law School läuft man sich nämlich ständig über den Weg. Der Campus ist nicht groß, bietet aber alles was man fürs Studieren (i.e.S.) braucht: Mensa, Cafeteria, Bibliothek, Lerngruppenräume, Kursräume, Vorlesungssäle, Fitnessstudio, Freizeiträume und vieles mehr. So entsteht auf dem Campus schnell eine gemütliche Atmosphäre, bei der sich alle und jeder kennen.

Diese Familiarität an der Law School hat Vor- und Nachteile. Ein besonderes Merkmal ist sicherlich, dass Professoren und Studierende in sehr engem Kontakt stehen und das sich viele Professoren ernsthaft und aufrichtig für die Studierenden interessieren. Viele haben eine Leidenschaft für die Lehre (was nicht immer heißt, das sie auch gut darin sind). Auch die Hochschulleitung pflegt einen engen Draht zu den Studierenden. So trifft sich die Hochschulleitung jeden Dienstag mit der Studierendenvertretung und stellt im Propädeutikum das Allstar-Team beim Flunkyball-Turnier.  

Wer sich entscheidet, viel zu lernen, der verbringt viel Zeit auf dem Campus. Daraus entwickeln sich schnell enge Beziehungen unter den Studierenden und gerne wird nach dem Lernen noch etwas Gemeinsames unternommen. Dieses Campusleben führt aber in stressigen Phasen dazu, dass eine Eigendynamik entsteht, in der wir uns wechselseitig stark unter Druck setzen. Wenn ich eine Sache an der Law School lernen musste, ist es, dass es immer eine Person gibt, die bereit ist noch einen Schritt weiterzugehen. Damit muss man lernen umzugehen.  

Das kann besonders für die typischerweise ambitionierten Studierenden an der Law School schwierig sein. Viele haben sich lange über ihre akademischen Leistungen definiert. Sich aus dieser Dynamik zu befreien, kann auch deswegen schwierig sein, weil man dann „anders“ ist als der Rest. Weil man zu einem gewissen Grad gegen den Strom schwimmt. Damit umgehen zu lernen, gehört zur Tagesordnung an der Bucerius. Allein gelassen wird man dabei aber nicht. Die Hochschule bietet Mental Health Kurse an und es gibt auch Sprechstunden bei geschulten Coaches.

Ein Teil des Problems liegt wohl auch darin, dass Bewerbern sowie Studienanfängern von Anfang an erzählt wird, wie stressig dieses Studium ist – also genauso, wie ich es gerade mache. Mir ist es wichtig zu betonen, dass es verschiedene Wege gibt, dieses Studium anzugehen und dass es genügend Studierende gibt, die ihren Mittelweg finden. Einen Mittelweg, der ein lebendiges Privatleben und ein ambitioniertes Studium unter einen Hut bringt.

Wer trotz allem zu dem Ergebnis gelangt, dass das Studium für ihn nichts ist oder dass eine Pause vonnöten ist, der findet immer ein offenes Ohr beim Studiengangmanagement. Wie mir berichtet wurde, zeigen diese großes Verständnis für die individuellen Probleme und Bedürfnisse der Studierenden. 

Das Familiäre an der Law School hat zuletzt auch zur Folge, dass es sich zu einem wesentlichen Grad um eine „Juristen-Bubble“ handelt, genauer eine „Privatuni-Juristen-Bubble“. Daraus auszubrechen, bereitet vielen große Schwierigkeiten. Für einige fehlt es an anderen Perspektiven und neuen Menschen im persönlichen Umfeld, sodass sich der Alltag unter Umständen als eintönig gestaltet. Besonders anstrengend sind wegen des schlechten Wetters in dieser Hinsicht die Wintermonate.

Positiv zu bemerken ist in dieser Hinsicht, dass die Bucerius vieles tut, um diverser und zugänglicher zu werden. Seit Neuestem arbeiten wir zum Beispiel mit der Hertie-School aus Berlin zusammen. Immer wieder finden Ringvorlesungen in Kooperation mit der Universität Hamburg statt und gelegentlich gibt es Partys mit anderen Hamburger Hochschulen. Auch das Jura-Stipendium (https://www.law-school.de/studium/jurastudium/kosten-finanzierung-stipendien/jura-stipendium) ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

An den guten Tagen ist die Law School ein Ort, an dem alle kontinuierlich und gemeinsam daran arbeiten, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen. An den schlechten Tagen ist sie ein Ort, an dem das Menschliche und das was eigentlich zählt, völlig aus dem Blick gerät. Diese schlechten Tage können hart sein, aber insgesamt bin ich zufrieden mit meiner Entscheidung an der Law School zu studieren. 

Es gab immer wieder Momente, in denen ich an meiner Entscheidung gezweifelt habe. Besonders die Klausurenphasen und die Wintermonate haben mich wirklich herausgefordert. Offen bleibt natürlich auch die Frage, ob es die vergleichsweise entspanntere Variante an einer (öffentlichen) Universität es nicht auch getan hätte. Für mich war sicher hilfreich, dass ich aus Hamburg komme. Dadurch hatte ich genügend Rückzugsorte, um Energie zu tanken.

Insgesamt überwiegen für mich aber die positiven Seiten. Dazu zählen die coolen Leute, die ich in diesem Studium bisher kennenlernen durfte, und die Breite und Qualität der extracurricularen Angebote. Entscheidend ist aber das Gefühl, dass ich hier meine Grenzen austesten kann. Dieses Austesten mag oft Stress, Druck und Angst mit sich bringen. Gleichzeitig ist es eine Chance sich selbst besser kennenzulernen und als Person zu wachsen.

Sahra Wagenknecht lässt die Linke hinter sich und gründet eine eigene Partei. Damit erreichen die Unruhen im politischen Deutschland einen neuen Höhepunkt. Wie kann eine Kommunistin in Zeiten des europaweiten Rechtsrucks so erfolgreich sein? Antworten finden sich in ihrem 2021 erschienen Buch „Die Selbstgerechten“.

Ein ganzes Kapitel widmet Sahra Wagenknecht diesem „Märchen vom rechten Zeitgeist“. Tatsächlich sei rechtes Gedankengut nicht annähernd so verbreitet wie die Wahlergebnisse aus Frankreich, Italien oder Deutschland vermuten lassen. Die AfD sei zum Beispiel vor allem so populär, weil sie aus Protest gewählt wird.

Genau diese Protestwähler liegen ihr besonders am Herzen. Ihnen möchte sie eine „seriöse Alternative“ zur AfD bieten. Durch das ganze Buch hinweg legitimiert Wagenknecht den Unmut jener Unzufriedenen und Politikverdrossenen, die gemeinhin ins rechte Lager abgeschoben wurden. Genau diese Menschen sind ihre Zielgruppe. Diejenigen, die sich von der Politik übersehen, nicht mehr verstanden, missachtet und schlecht behandelt fühlen.

„Nicht, weil ihnen die Zukunft unserer Erde egal wäre. Sondern weil sie ein feines Gespür dafür haben, wie unehrlich es ist, die dringend notwendige Diskussion über Wege zur Rettung von Klima und Umwelt als Debatte über Fragen des Lebensstil und der Konsumgewohnheiten aufzuziehen“, erklärt Wagenknecht beispielsweise die Aversion vieler Menschen gegenüber der Klimadebatte.

Wenn Fans in ihre Kommentare schreiben „Endlich spricht es einer aus“ oder „Danke, dass Sie die Wahrheit aussprechen, Frau Wagenknecht“, dann ist das ein klares Indikator. Viele Menschen fühlen sich von der Politik missverstanden und Wagenknecht tut genau das, was eine gute Politikerin tut, Sie kleidet diese Wut und Unzufriedenheit in Wörter, die auch im politischen Berlin akzeptiert werden und gleichzeitig vom „einfachen“ Mann verstanden werden.

Wagenknecht rationalisiert die politikverdrossenen Gefühle der Bürger. Sie erklärt ihnen, dass ihre Gefühle berechtigt sind. Sie schafft die faktische Grundlage. Sie greift die sowieso schon bestehenden Ressentiments auf und legitimiert sie mit zwar solider aber nicht hinreichender Kritik an der EU, der NATO, Ukraine, an der Migrationspolitik, Corona-Freiheitsbeschränkungen, Neoliberalismus und Klimaschutz.

Aber Wagenknecht analysiert und legitimiert nicht nur. Sie schürt und verstärkt auch Ressentiments und das auch mal weniger sachlich. Feindbild Nr. 1 sind die Linksliberalen, auch die „Selbstgerechten“ oder „Lifestyle-Linken“ genannt. Sie finden sich vor allem bei denen Grünen wieder, die die „Seiten gewechselt“ haben und sich seitdem nicht mehr für den ehrlichen Arbeiter, sondern für das akademische Großstadtmilieu einsetzen.

In ihrer Großstadtblase haben sie jeden Realitätssinn verloren. So falle es leicht in den teuren Mietvierteln für Weltoffenheit und Multikulturalität zu stehen, wo sich die migrationspolitische Realität sowieso niemals niederschlage. Und genau auf diese Rhetorik zahlt sie immer wieder ein.

Im Wagenknecht-Narrativ sind aber nicht nur die Grünen abgehoben, sondern die gesamte Politikerriege. Besonders die europäische aber auch die deutsche Demokratie sei von Korruption zerfressen und diene schon lange nicht mehr den Interessen der Mehrheit. Waren es damals die adelige Minderheit, die mehrheitlich in den Parlamenten ihre Vorrechte beschützten, sind es heute die durch Lobbyismus verdorbenen Politiker, die mit Steuergeldern horrende Beraterverträge bezahlen und anschließend selbst nach dem Drehtür-Prinzip ins Hinterzimmer wechseln.

Es sind die mächtigen Großkonzerne, Wagenknecht nennt sie auch „Interessengruppen“, die Interesse an exakt dieser Politik haben, unter der besagte Arbeiter seit Langem leiden. Es sind die Großkapitalisten, die von der Globalisierung durch billige Arbeitskräfte und Streikbrecher profitieren. Es sind die Großkapitalisten, die sich auf den internationalen Finanzmärkten mit Wetten über den Arbeitsplatz des Familienvaters eine goldene Nase verdienen. Das sind die Narrative, die gezeichnet werden: gierige Kapitalisten gegen den ehrlichen Arbeiter.

Die politische Wiedergeburt der Sahra Wagenknecht ist damit auch eine Renaissance des Klassenkampfs. Es gibt eine mächtige und wohlhabende Minderheit „da oben“ und eine Mehrheit, die sich endlich wehren muss.

Und dieses Narrativ schlachtet sie politisch aus. Eine ganz wesentliche Rolle spielt dabei ihr Underdog-Image als rebellische Stimme gegen das politische Establishment und genauso inszeniert sie sich: als Stimme der Vernunft in einem Zeitalter politischen Durcheinanders und Irrationalität. Als Gegenentwurf zum verrückten, abgehobenen Linksliberalismus und der Gier unersättlicher Großkapitalisten.

Wird Russland in den nächsten drei Monaten ukrainisches Territorium annektieren? Wird im nächsten Jahr ein Land die Eurozone verlassen? Solche und weitere Fragen treiben uns alle rum, aber die meisten unserer Antworten sind Schüsse ins Blaue. Das muss aber nicht sein. Lasst uns von den Profis lernen, die die Wahrscheinlichkeit solcher Ereignisse mit faszinierender Genauigkeit vorhersagen können.

Vor mehr als 10 Jahren erschien der Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“ des Nobelpreisträgers Daniel Kahlemann. In diesem populärwissenschaftlichen Grundwerk zeigt Kahnemann die Welt, wie wir Menschen unsere Entscheidungen treffen. Die Überraschung? Das menschliche Urteilsvermögen funktioniert nicht ausschließlich nach den Regeln der Logik. Stattdessen verfallen wir immer wieder sogenannten „Bias“ (deutsch: Vorurteilen).

Ein bekanntes Beispiel ist der „negativity-bias“. Unsere Kognition ist darauf getrimmt, negative Erfahrungen besonders lebhaft in Erinnerung zu behalten. Gleichzeitig rücken objektiv ähnlich signifikante positive Ereignisse viel schneller in den Hintergrund. Wir empfinden sie subjektiv als weniger bedeutsam.

Diese Vorurteile verbinden sich zu sogenannten „Heuristiken“. Als Heuristiken werden Methoden bezeichnet, die benutzt werden, um auf Grundlage von wenigen Informationen zu möglichst qualitativen Ergebnissen zu gelangen. Heuristiken sind oft unsere Standartmethoden, um die Welt zu begreifen.

Die Nützlichkeit von Heuristiken ist umstritten. Aus dem simplen Grund, den Kahnemann in seinen Werken herausgearbeitet hat: Sie sind reduktionistische Modelle, die gerne zu falschen Einschätzungen führen. Gleichzeitig stehen uns oft begrenzte Ressourcen zur Verfügung. In der Praxis sind Heuristiken meist unverzichtbar.

Je mehr sich das Wissen über unsere kognitiven Verzerrungen verbreitet, desto lauter werden die Plädoyers für mehr Vernunft in der Welt. Steven Pinker ist einer der bekanntesten Denker, der vor diesem Hintergrund für die Vernunftorientierung im Sinne der Aufklärung wirbt, zum Beispiel in seinem Werk „Enlightenment now: The Case for Reason, Science, Humanism and Progress“.

Dabei vertritt Pinker eine optimistische Haltung. Demnach seien wir Menschen in der Lage, bewusst unsere kognitiven Verzerrungen zu umgehen und vernünftige Entscheidungen zu treffen. Andere Denker sind in dieser Hinsicht pessimistischer. Sie glauben, dass das menschliche Urteilsvermögen inhärent fehlerhaft ist.

Philipp Tetlock stellt die Vernunftbegabung des Menschen in seinem Buch auf die ultimative Probe. Wäre es nicht möglich, dass wir Menschen mit der Kenntnis aller relevanten Fakten über die Gegenwart die Zukunft voraussagen könnten? Einen Vorschlag in diesem Sinne unterbreitete schon der Wahrscheinlichkeitsforscher Laplace:

We may regard the present state of the universe as the effect of its past and the cause of its future. An intellect which at a certain moment would know all forces that set nature in motion, and all positions of all items of which nature is composed, if this intellect were also vast enough to submit these data to analysis, it would embrace in a single formula the movements of the greatest bodies of the universe and those of the tiniest atom; for such an intellect nothing would be uncertain and the future just like the past could be present before its eyes.“

Dass Laplace Vision wegen der Chaos-Theorie in der Realität praktisch unmöglich ist umzusetzen, wissen mittlerweile die meisten. Was passiert, aber wenn wir nach Goldilocks Regel diejenigen Zukunftsfragen heraussuchen, dessen Rahmen eine signifikant präzise Vorhersage der Zukunft erlaubt?

Mit diesem Ziel haben Tetlock & Co das „Good Judgement Project“ ins Leben gerufen. Im Rahmen einer einfachen Ausschreibung sammelten sie über die letzten 10 Jahre mehrere tausend Teilnehmer, die regelmäßig ihre Vorhersagen zu relevanten geopolitischen Fragen abgeben.

Die Fragen wurden konkret formuliert. Das bedeutet, mit einem konkreten Zeithorizont und klaren Ergebnissen. Die Antworten mussten diesem Präzisionsanspruch entsprechen und mussten in konkreten Prozentangaben abgeliefert werden.

Gemessen wurden die Ergebnisse mit dem „Brier-Score“. Ein Wert von 0 ist das beste Ergebnis, ein Wert von 2 das schlechteste. Die Rechnung sieht wie folgt aus:

Mit der Zeit kristallisierten sich innerhalb des „GJP“ eindeutige „Superforecaster“ heraus, dessen Ergebnisse die der anderen deutlich übertroffen. Dieselben „Superforecaster“ schnitten im Vergleich sogar 30 Prozent besser als Angehörige des Geheimdienstes mit klassifizierten Informationen ab und das bedeutet nicht, dass die Geheimdienstmitarbeiter besonders schlecht waren. Das bedeutet, dass die besten Prognostiker im Durchschnitt einen Brier-Wert von 0,15 erreichen.

Auch eine andere Gruppe an bekannten Wahrsagern schlugen die „Superforecaster“ bei Weitem. Wie Tetlock schon 2005 in seinem ersten Buch „Expert Political Judgement“ zeigte, sind die meisten Experten in Wirklichkeit keine Experten – zumindest nicht, wenn es um politische Urteile geht. Journalisten wie Tom Friedman, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, steile Thesen über geopolitische Entwicklungen zu produzieren. Bei der genauen Analyse zeigt sich aber, dass deren Thesen im Durchschnitt nicht besser sind als die eines Schimpansen, der die Wahrscheinlichkeiten mit dem Wurf eines Dartpfeils bestimmen würde.

Und dabei wird noch außen vor gelassen, dass die meisten Vorhersagen von Journalisten und Experten wie Friedman die nötige Präzision mangelt, damit sie überhaupt klare Ergebnisse produzieren könnten. Oft sind sie so formuliert, dass sie im Nachhinein zugunsten verschiedener Realitäten ohne Probleme ausgelegt werden können.

Wie es richtig geht, zeigen besagte „Superforecaster“. Und obwohl viele Superforecaster überdurchschnittlich intelligent waren, vermuten Tetlock & Co noch viele weitere Eigenschaften als genauso wesentlich für ihre hervorragenden Leistungen.

Vorsichtig: Nichts ist sicher.

Bescheiden: Realität ist unendlich komplex.

Non-deterministisch: Was passiert, ist nicht dazu bestimmt zu passieren.

Offen für neue Erfahrungen: Glaubenssätze sind Hypothesen, die getestet und nicht wie Schätze beschützt werden sollen.

Intelligent und gebildet: Intellektuell neugierig, mögen Rätsel und mentale Herausforderungen.

Reflektiert: selbstkritisch.

Rechenkundig: sicher im Umgang mit Zahlen.

Pragmatisch: nicht an eine Idee/Vorstellung gebunden.

Analytisch: können die Dinge objektiv betrachten.

Dragonfly-eyed: schätzen unterschiedliche Meinungen und synthetisieren mit großer Differenziertheit.

Gute intuitive Psychologen: sind sich ihrer kognitiven Verzerrungen bewusst.

Growth-Mindset: glauben daran, dass sie sich verbessern können.

Neben diesen Eigenschaften, die wir uns als Vorbild nehmen können, haben Tetlock & Co außerdem zehn Leitlinien für den Beginner aufgestellt. Allein das Lesen dieser Leitlinien konnte die Präzision von Prognosen um durchschnittlich 10 Prozent steigern. Eine Zusammenfassung dieser Leitlinien habe ich hier verlinkt (https://fs.blog/ten-commandments-for-superforecasters/).

Als Kind hatte ich keine besondere Verbindung zu Religion. Meine Eltern haben mir keine Zugehörigkeit aufgedrängt und abgesehen von Weihnachten und Ostern wurde christliche Feiertage bei uns nicht wirklich ausgelebt.

Obwohl mir auf der anderen Seite auch keine atheistischen Vorstellungen vorgelebt wurden, entwickelte ich mich mit zunehmendem Alter auf natürliche Art und Weise in diese Richtung. Das erste Mal bewusst damit auseinandergesetzt und realisiert, dass ich nicht an Gott glaube, habe ich wahrscheinlich in meinen ersten Teenager-Jahren.

Auf der weiterführenden Schule kamen unweigerlich die weit verbreiteten Debatten zwischen Atheisten und Gläubigen auf, die in diesem Alter nun mal aufkommen. Ich persönlich habe den christlichen Glauben damals nicht wirklich ernst genommen. In meinem Kopf war es glasklar, dass die Idee von einem Gott durch die Wissenschaft falsifiziert und infolgedessen aus der Zeit gefallen sei.

Aus diesem Grund war es mir auch unerklärlich, warum ich in der Schule über das Christentum lernen sollte. Vor allem in meinen „wilden“ ersten Jahren auf dem Gymnasium äußerte sich dieses Unverständnis in auffälligem Verhalten. Retrospektiv gesehen glaube ich, dass ich in keinem Fach so aus der Reihe getanzt bin wie in Religion – vielleicht in Kunst. Und das mag etwas heißen, denn auf Linie stand ich damals selten.

Ich erinnere mich an einen Vortrag über christliche Feiertage, den ich in der achten Klasse mit einem Freund hielt. Und ich erinnere mich genau daran, wie wir völlig ahnungslos irgendeine Liste aus dem Internet reproduzierten ohne irgendeinen blassen Schimmer zu haben. Nicht grundlos schrammte ich in Religion regelmäßig nur knapp an der 5 / „mangelhaft“ vorbei.

Das Blatt wendete sich als ich das erste Mal auf Jordan Peterson stoß. Auch wenn sein Religionsverständnis bei einigen christlichen Priestern auf Widerstand stößt, ist er maßgeblich an der Wiederbelebung des christlichen Glaubens beteiligt. Und obwohl Jordan Peterson’s Glaube erheblich von der Glaubensweise vieler traditioneller Christen abweicht, hat er mich auf meine irrationale Ignoranz gegenüber dem religiösen Glauben aufmerksam gemacht.

Bisher habe ich noch keinen Entschluss gefasst, wie sich Jordan Peterson’s Glaubenweise mit der christlichen Praxis anderer Christen vereinen lässt und inwiefern gewisse Differenzen überhaupt relevant sind. Aber ich komme der Sache immer näher.

Den wesentlichen Teil meiner Ignoranz gegenüber dem christlichen Glauben gebrochen, hat aber ein anderes Erlebnis : und zwar die Begegnung mit Prof. Austriaco bei einer young leaders Konferenz. young leaders ist ein Verein, der Workshops, Konferenzen & Co für junge, engagierte und scheinbar begabte Schülerinnen und Schüler anbietet.

Im Sommer 2020 nahm ich an einer fünftägigen (vllt. auch viertägig?) Konferenz besagten Vereins teil und einer der ersten Vorträge auf der Agenda war zum Thema: Menschenwürde. Redner war ein gewisser Professor Austriaco. Ein philippinischer Mikrobiologe, der am MIT und an der University of Pennsylvania studiert hatte. Was ich und viele andere Teilnehmer unter den etwa 100 erwarteten, war ein ambitionierter Forscher mit typischem Wissenschaftler-Mindset. Was stattdessen auf die Bühne trat, war ein Mönch.

Der Mikrobiologe war ein Mönch. Das passte damals nicht in meinen Kopf: Wissenschaft und Mönchsleben? Was soll das?

Schnell wurde mir klar, dass ich mir vorher hätte eine ganz andere Frage stellen sollen: Was will uns ein Mikrobiologe zur Menschenwürde erzählen? Und besagter Prof. Austriaco sprach zu uns auch weniger als Mikrobiologe und mehr in seiner Rolle als Theologe.

Er war außerdem ein brillianter Redner, der den ganzen Saal in seinen Bann zog. Am Ende des Vortrags hatte er mich dazu angeregt, intensiv darüber nachzudenken, warum ich eigentlich glaube, was ich glaube und warum die Gegebenheit einer Menschenwürde für mich so glasklar ist. Und das gelang ihm ohne viel zu reden. Denn was er im Wesentlichen tat, war Fragen zu stellen.

Dadurch zeigte er uns auf trickreiche Art und Weise, wie wenig Ahnung wir eigentlich vom Thema Menschenwürde hatten. Er fragte also in diesen Raum scheinbar begabter und interessierter Schüler eine Reihe an Fragen zur Menschenwürde: Warum behandeln wir Tiere anders als Menschen? Warum ist die Bundeskanzlerin nicht mehr wert als ein normaler Bürger?

Eine Reihe an Schülern stand auf und meldete sich, um ihre im eigenen Kopf so clever klingenden Antworten durch eine weitere Gegenfrage zerpuffen zu lassen. Ich war einer dieser Schüler. Auf seine Gegenfrage formulierte ich noch eine Antwort, aber auch diese Antwort wurde von einer weiteren Frage ausgehebelt.

Nach diesem Vortrag wusste ich eins: dass ich nichts wusste. Aber das reichte mir nicht. Dieser Vortrag hatte mich neugierig gemacht. Mit der Menschenwürde mag er seine Punkte gemacht haben, aber der glaubt doch nicht wirklich an die Existenz Gottes?!

Mit dem Wissen aus Stephen Hawkings „Kurze Antworten auf große Fragen“ bewaffnet, wollte ich die christliche Weltanschauung noch ein weiteres Mal herausfordern. Ich konnte nicht loslassen, ich musste das verstehen.

Am selben Abend saß Professor Austriaco mit einer Reihe an interessierten Zuhörern in einem Kreis und beantwortete Fragen. Ich sah meine Gelegenheit, notierte meine Fragen und machte mich auf den Weg, um den Professor in seinem Unwissen bloßzustellen.

Etwa 20 Leute saßen im Kreis um den Mönch herum und stellten ihre Fragen. Endlich kam ich an die Reihe und ich stellte so viele Fragen hintereinander, dass sich der Rest begann darüber zu ärgern. Aber ich konnte nicht aufhören.

Außerdem war Professor Austriaco kein leichter Gegner. Ganz im Gegenteil: Jede meiner Fragen beantwortete er so zufriedenstellend, dass ich danach eindeutig realisieren musste: Ich war so blind…

Es war das erste Mal, dass ich realisierte, dass Evolutionsbiologie, Naturgesetze, und moderne Physik und Chemie in keinem verdammten Widerspruch zum christlichen Glauben stehen. Es war das erste Mal, dass ich realisierte, dass sich diese Konzepte fusionieren und zusammenführen lassen.

Seitdem hatte ich eine Menge spannender Begegnungen mit christlichen Ideen und christlichen Personen in der Literatur. Vor allem in Solschenizyhns „Archipel Gulag“, aber auch in Victor Frankls „Man’s Search for Meaning“ tauchten die Gläubigen immer wieder als zufriedene und das Leiden dieser Welt bezwingende Persönlichkeiten auf.

Die ganze Schlagweite verstand ich wahrscheinlich erst beim Lesen von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ und im Besonderem „Brüder Karamasow“, was beides völlig geniale Werke sind. Mit jeder dieser Begegnungen kam ich dem Christentum einen Schritt näher.

In England ging ich dann das erste Mal freiwillig aus eigener Motivation heraus zu einem Gottesdienst. Wenn ich schon in einem neuen Land bin, muss ich Dinge ausprobieren, die schon länger auf meiner Liste standen. Das war mein Motto.

So ging ich an meinem ersten Sonntagmorgen ohne großes Überlegen in den Gottesdienst der nächsten Kirche, die ich finden konnte und es sollte sich herausstellen, dass ich zufällig (oder durch Gottes Hand geleitet) in einer wunderbaren Kirche landen sollte.

Obwohl ich eine halbe Stunde zu spät kam, wurde ich mit strahlendem Lächeln begrüßt und ein Platz zugewiesen. Es war ein Ausnahmegottesdienst anlässlich des verstorbenen Königin Elizabeth und der Pfarrer hielt eine wunderbare Predigt über Christus Bodenständigkeit und die Gottesfürchtigkeit der Königin.

Aber nicht nur die Predigt fesselte mich. Auch der leidenschaftliche Gesang der Menschen verzauberte mich und zum Ende des Gottesdienstes war ich einfach nur beeindruckt davon, was ein Gottesdienst tatsächlich bieten kann.

Noch bevor ich aufstehen konnte, kam der Pfarrer auf mich zu, um sich mit mir zu unterhalten. Es ist im Generellen beeindruckend, wie schnell alle Mitarbeiter dieser Kirche neue Menschen erkennen und dafür sorgen, dass sie sich willkommen fühlen. Das habe ich an keinem Ort jemals so positiv erlebt und es hat mir von Anfang an das Gefühl vermittelt, das diese Kirche wirklich von Liebe durchströmt wird.

Ich weiß, das mag etwas romantisch klingen, aber es war einfach eine so herzliche und freundliche Atmosphäre und ich finde keine besseren Worte dafür.

Besagter Pfarrer wollte mich direkt mit Michael bekannt machen, der frischgebackener Pfarrer und Leiter der Gruppe für 18- bis 30-Jährige ist. Also machte er sich auf die Suche nach ihm, aber noch bevor er ihn finden konnte, saß er schon neben mir und fragte mich aus.

Mein Vorurteil, dass viele Christen predigen, was sie selbst nicht einhalten, löste sich schneller in Luft auf als ich realisieren konnte. Die Freude, die Liebe, die Hoffnung und Wärme dieser Kirche verkörperte genau das, was eine Kirche verkörpern sollte.

Seitdem bin ich mit (wirklich) wenigen Ausnahmen jede Woche zum Gottesdienst gegangen und auch jeden Dienstag zur Bibelgruppe. Bibelgruppe klingt langweiliger als es ist. Wir sind jedes Mal etwa 40 – 50 Leute im Alter von 18 bis 30, die erstmal gemeinsam essen, ein warmes Getränk genießen, einen kleinen Vortrag von Michael hören und sich anschließend in kleine Gruppen zum Bibellesen und Beten aufteilen.

Über die Kirche sind auch eine Reihe an guten Beziehungen entstanden. Einmal wurde ich spontan zum Mittagessen eingeladen, lernte dort viele spannende Menschen kennen und endete am anderen Ende der Stadt bei einer Tea-Party einer anderen christlichen Gemeinde. Bei dieser Gelegenheit konnte ich eben jene Geschichte teilen, die ich in diesem Artikel teile und bisher konnte ich viele Christen durch meine Geschichte ermutigen.

In regelmäßigen Gesprächen mit Michael und anderen belesenen Christen habe ich auch die Bibel und den Glauben immer näher kennengelernt. Es fällt mir noch schwer mich als Christen zu bezeichnen, aber ich glaube ich bin soweit zu sagen: Ich glaube an Gott.

„Einer für alle, alle für einen“ ist nicht nur Landesmotto der Schweiz und auch nicht nur ruf der Wilden Kerle, sondern auch das Motto der drei Musketiere aus Alexander Dumas Klassiker. Lange kannte ich die Heldengeschichten der vier Franzosen nur aus einer Adaption als Serie bis ich vor Kurzem zum ersten Mal zur echten Lektüre griff.

https://www.google.com/url?sa=i&url=https%3A%2F%2Fwww.amazon.de%2FDie-drei-Musketiere-Alexandre-Dumas%2Fdp%2F3423137665&psig=AOvVaw0pmkq5RnjB79llnd7gdvz1&ust=1677756311997000&source=images&cd=vfe&ved=0CBAQjRxqFwoTCNiwwbrPuv0CFQAAAAAdAAAAABAI

Im April des Jahres 1625 bricht der junge Gascogner d’Artagnan nach Paris auf, um Mitglied der hochgeschätzten Musketiere zu werden. Doch schon auf dem Weg gerät er durch sein hitzköpfiges Temparament in Schwierigkeiten. Dabei lernt er die Musketiere Artos, Portos und Aramis kennen.

Zusammen werden sie in eine königliche Affäre verwickelt und urplötzlich liegt das Schicksal der Nation in ihren Händen. Hierbei stehen sie im Duell gegen die Agenten des Kardinals Richelieu, der seine eigenen Interessen verfolgt.

Seitdem ich die BBC-Interpretation der Musketiere als Serie geschaut habe, war ich Fan. Obwohl sich im Originalroman völlig neue Handlungen abspielen, bleibt nicht nur das Grundthema ähnlich: Vor allem bleibt die zwischenmenschliche Dynamik zwischen dem Vierergespann die selbe.

Dumas Roman ist ein absoluter Literaturklassiker, der bis heute vor allem durch seine Charaktere glänzt. Es ist nicht nur die Geschichte von vier Helden, die der Welt Gerechtigkeit bringen. Es ist die Geschichte von vier Freunden, die ein gemeinsames Abenteuer erleben.

Wer es historisch mag und zudem eine romantische Ader besitzt, der sollte bei diesem Meisterwerk unbedingt zu greifen. Vor allem wenn nach einer unterhaltsamen Lektüre mit Witz und Scham gesucht wird, die sich auch gut vor dem Einschlafen verdauen lässt. Darüber hinaus gibt es Hörbücher, die den Roman spielfilmartig und auch passend für ein jüngeres Publikum übersetzen.

Für mich gilt jetzt erstmal, die nächsten beiden Teile zu lesen. Denn, wie ich so offen zugeben muss: Ich wusste nicht einmal, dass es eine Fortsetzung gibt.

Das Originalwerk lässt sich übrigens kostenlos auf iBooks finden.

Um einen näheren Einblick in meine Arbeit in der Obdachlosenhilfe zu geben, möchte ich mal über eine der Herausforderungen sprechen, mit der ich tagtäglich konfrontiert bin. Natürlich variiert mein Aufgabenprofil von Zeit zu Zeit, aber es gibt eine Herausforderung, die scheint eine Konstante in diesem Bereich zu sein – jedenfalls wenn man zusammen mit den Obdachlosen lebt: Schlafprobleme.

Gesunder Schlaf ist wichtig. Diese Binsenweisheit hat vor allem durch die moderne Schlafforschung nochmal einen richtigen Aufschwung erlebt. Überall kursieren die besten Tipps und Tricks, um den eigenen Schlaf zu optimieren. Das ist alles schön und gut und oft ist man doch eh zu faul, diese Tipps wirklich gewissenhaft umzusetzen.

Ich kann Euch aber sagen: seid ihr erstmal mit externen Störfaktoren konfrontiert, die euren Schlaf beeinträchtigen, dann würdet ihr euch umso deutlicher wünschen, die Kontrolle über Qualität und Quantität eures Schlafs wieder in eigenen Händen zu halten.

Im Generellen gilt für meinen Schlaf in England, dass ich auf tendenziell weniger gemütlichen Betten und in Räumen mit dünnen Wänden schlafen muss. Das bedeutet, dass man ganz strukturell einem größeren Maß an Geräuschen und Diskomfort konfrontiert ist.

Aber offensichtlich spielen auch die Mitbewohner eine Rolle. In meiner vorherigen Unterkunft in Hills Road musste ich mich mit zwei menschlichen Störfaktoren auseinandersetzen: zwei Einwohner, die mir das Leben wirklich nicht leicht gemacht haben.

Mal abgesehen davon, kam es in Hills Road auch vor, dass die Polizei nachts anklopfte oder der Krankenwagen vor der Tür stand. Auch beliebt ist der nächtliche Kaffee und wenn man in der Küche jemanden trifft, dann wird auch gerne mal um drei Uhr nachts in tosender Lautstärke geplaudert. Abgesehen von mir schlief zu der Zeit sowieso niemand.

Strukturell gestört wurde mein Schlaf aber vor allem durch den Herrn, der sein Zimmer über mir hatte. Etwas älter und mit einem schwach ausgeprägten Gehör ausgestattet, wurde der Fernseher dementsprechend auch lauter aufgedreht. Vor allem die Rave-Partys mit lauter Musik und Gesang hätte er sich zwischendurch wirklich sparen können

Aber auch die Kriegsdokus, die teilweise die ganze Nacht durchliefen, machten es mir nicht leicht. Als er durch Krankheit in eine völlige Abwärtsspirale abdriftete, musste ich für einige Wochen nicht nur tagsüber sondern auch nachts seine lauten Wutanfälle aushalten, die mich nicht selten wachhielten.

Später war es ein anderer Einwohner, der mich in diesem Fall aber nicht durch Lautstärke unruhiger schlafen ließ. Dieser Mann war stark suizidgefährdet und hatte in seiner Zeit bei uns auch mehrere Versuche unternommen sich umzubringen.

In einer Nacht klopfte es an meine Tür, ich wachte auf und nahm das Klopfen wahr, wollte aber weiterschlafen. Nach etwa 20 Sekunden klopfte es ein weiteres Mal und ich dachte mir: „Wenn es was wichtiges ist, soll er meinen Namen rufen“. Es kam nicht selten vor, dass zu solchen Zeiten wegen den banalsten Dingen, an meine Tür geklopft wurde.

Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass eben jener suizidgefährdete Einwohner in der Nacht versucht hatte sich umzubringen. In einer weiteren Nacht versuchte er sich im Garten mit einem Strick zu erhängen. Mit dem Gedanken im Kopf schlafen zu gehen, dass sich in dieser Zeit jemand das Leben nehmen könnte, ist keine gute Einschlafmelodie.

Mit meinem Umzug nach Short Street hat sich die Lage verbessert. Seitdem schlafe ich um einiges ruhiger und es ist kaum mit Hills Road vergleichbar. Nichtsdestotrotz verlasse ich mich weiter auf meine Ohrstöpsel, denn ganz geräuschlos geht es hier nachts auch nicht vonstatten.

So haben wir einen Einwohner, der nachts im Schuppen direkt neben meinem Zimmer Schlagzeug spielt. Er ist geistig beeinträchtigt, sodass er das Konzept von Zeit nicht wirklich versteht. Als ich ihn das letzte Mal erinnerte, dass er bitte nicht später als 10 Uhr abends spielen sollte, trommelte er für die beiden darauffolgenden Tage konsequent bis fast 23 Uhr.

Mittlerweile bin ich an einem Punkt, an dem ich das fast völlig hoffnungslos hinnehme. Aber zumindest als er am dritten Tag seine Erfolgsreihe fortsetzen wollte, rappelte ich mich von meinem Bett auf und erinnerte ihn.

Neben diesem Kollegen ist noch der Herr zu nennen, der im Zimmer neben mir schläft und schnarcht als würde er seine Nase gleich mit einatmen. Also mal im Ernst: Das sind wirklich ganz tiefe Töne. Wahrscheinlich ist das so die Frequenz auf der Wale kommunizieren.

Ein Jahr ist es her seitdem Russland in die Ukraine einmarschierte. Und ohne zu sehr dramatisieren zu wollen, war es – auf mehr oder weniger berechtigte Art und Weise – ein einschneidendes Erlebnis, dass dem gerade der Corona-Pandemie entkommenem Westeuropa ein vergangenes Schreckenbild wieder vor Augen führte.

Der im Oktober 2022 erschienene Film „Im Westen nichts Neues“ stürzt damit in eine Zeit, in der ein Film dieser Art wohl kaum interessanter sein kann. Ausnahmsweise schafft es ein deutscher Film auf internationaler Bühne mitzuspielen und ergattert ganze neun Oscar-Nominierungen.

Paul Bäumer verkörpert vom Wiener Jungstar Felix Kämmerer

Basierend auf dem 1928 von Erich Maria Remarque verfassten Roman, erzählt der Film die Geschichte des 17-jährigen Paul Bäumers, der 1917 gemeinsam mit seinen Freunden in völligem Enthusiasmus in den 1. Weltkrieg zieht. Doch die obszöne Vorfreude hält nicht lange an als die Freundesgruppe zum ersten Mal unter Geschuss geraten.

Offensichtlich trifft der Film einen Zeitpunkt, der seiner Popularität nicht schadet. Ohne Rücksicht auf irgendeine Sensibilität zeigt dieser Film die ultimative Tragödie eines jungen Mannes, der von einem giftigen Enthusiasmus mitgerissen und getäuscht wurde.

Als Zuschauer klebt man an den Fersen des Protagonisten in der Hoffnung auf eine positive Wende, wohlwissend, dass es mit jedem weiteren Moment nur noch grausamer und schmerzhafter wird. Und tatsächlich übertrifft jeder Schicksalsschlag den vorherigen in seiner Entsetzlichkeit

Und selbst die Hoffnung auf Frieden wirkt durch das Wissen über den darauf folgenden Aufstieg der nationalsozialistischen Gesinnung, dessen Nährboden eben jener Friedensvertrag war, wie ein weitere trickreiche List des Teufels.

Die gesamte Dramaturgie leistet einen hervorragenden Job, diese Tragödie sich in all ihren Facetten ausspielen und manifestieren zu lassen. Ohne viele Worte gelingt es dem Film den charakterlichen Zerfall des Protagonisten in aller Deutlichkeit darzustellen und lässt ihn und seine Freunde damit symbolisch für eine ganze Generation stehen, die mit einem falschen Lebenssinn in diese Schlacht gelockt wurden. Im letzten Viertel des Films als das rettende Ufer zum Greifen nah scheint, entfaltet der Film, übertrifft sich der Film in seiner Tragik noch ein letztes Mal selbst.

Wie es sich für gute Tragödien gehört, ist es nicht unbedingt die unterhaltsame Komödie für den gemeinsamen Samstagabend unter Freunden. Es ist ein bedrückender Film, der sich in seiner Grausamkeit in unfassbarer Weise mit jeder Minute selber übertrifft.

Aber es ist dennoch ein sehenswerter Film. Es sind genau diese Filme, aus denen wir einiges mehr lernen können als wir denken. Nicht nur weil wir wie Möchtegern-Schlauberger im Nachhinein über die Gewaltigkeit und Genialität auf irgendeine Partei angeberisch philosophieren können, sondern weil es uns zeigt, wozu Menschen in der Lage sind und wie sich die Realität unserer Welt in ihrer dunkelsten Form manifestieren kann.

Für mich selber ist es der Anlass endlich den zugehörigen Roman zu lesen, der wie ich dem Wikipedia-Artikel entnahm, die Gedanken des Protagonisten um einiges näher ausführt als im Film. Das wird hoffentlich ein lehrreiches Leseerlebnis.

https://www.amazon.co.uk/Im-Grunde-gut-Geschichte-Menschheit/dp/3498002007

April 2022: Abiturvorbereitung. Eigentlich sollte ich fürs Matheabi üben, aber als ich auf eine Folge sternstunde philosophie mit Rutger Bregman treffe, verändern sich meine Pläne. Die restlichen Wochen verbrachte ich nicht mit einer ausgewogenen Vorbereitung auf alle Fächer, haha. Ich vertiefte mich wie ein Irrer in die Anthropologie.

Rutger Bregmans „Im Grunde gut“ war das erste Buch, das ich las. Die Behauptung war hoffnungsvoll und das Interview in der sternstunde überzeugend. Und zumindest nach dem ersten Lesen war ich begeistert bis ich mir die Argumentation nochmal genauer anschaute.

Der philosophische Ringkampf zwischen Rousseau’s Natur- und Hobbes Kulturmensch schien entschieden: Hobbes hatte gewonnen und Rousseau’s Vorstellungen werden höchstens in der Frühpädagogik wiedergefunden. Doch Bregman stellt dieses Narrativ jetzt in Frage: Rousseau hatte doch recht. Der Mensch ist gut.

Im Laufe des Buchs entzaubert er in mitreißender Manier eine Reihe an vermeintlichen Belegen der bösen Natur des Menschen. Neben dem „Herr der Fliegen“ müssen auch zwei der renommiertesten Psychologie Studien herhalten: Stanley Milgrams Schockexperiment und das allbekannte Stanford-Prison-Experiment.

Darüber hinaus legt er Belege aus der modernen Biologie vor. Brian Hare’s Survival of the friendliest wäre der neueste Beweis dafür, dass der Mensch von Natur aus gut veranlagt ist.

Außerdem würde der Mensch sich in einer Art selbsterfüllender Prophezeiung befinden. Solange wir uns als inherent böse Wesen charakterisierten, würden wir durch den Nocebo-Effekt dazu beitragen, dass sich unsere Mitmenschen auch dementsprechend verhalten.

Bregman’s Buch liest sich flüssig und angenehm. Es ist keine besonders herausfordernde Lektüre, die einem gleichzeitig ein außergewöhnliches Gefühl von magischem Erkenntnisgewinn verleiht. „Ach so war das also in Wirklichkeit? Das ist ja alles falsch?!“.

Dabei läuft man als Leser Gefahr, die Sensation aus dem Affekt heraus als Argument zu werten. Die Widerlegung überholter Narrative und Entlarvung falscher psychologischer Experimente hat einen hohen Unterhaltungswert, trägt aber substanziell wenig bei. Auch spannende Geschichten über den Nocebo- und Placebo-Effekte sind nur entfernt mit der tiefgründigen Frage verwandt, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse ist.

Ich muss an „Grenzgänger Studios“ denken, von dem ich mir gestern eine Reaktion auf ein Böhmermann-Video angeschaut habe und sich wiederholt über Böhmermann’s Instrumentalisierung der „Empörung“ als Argument beschwerte. Zurecht.

Wer nicht nur an Unterhaltung und guten Geschichten für den nächsten Freitagabend in der Bar interessiert ist, findet weit bessere Lektüren. Ich empfehle als Einstieg jegliche Podcastfolgen mit Richard Wrangham. Und auch von Bregman kritisierte oder neutral referierte Werke im Original nachzulesen, mag einen weit fundierteren Einblick liefern (Steven Pinker z.B.).

Ansonsten, und das ist meine beste Empfehlung, rate ich dazu meinen Aufsatz zu dem Thema zu lesen. Dieser ist das Produkt der unausgewogenen Vorbereitung auf meine Abiturprüfungen und absolut lesenswert!

„Im Grunde Gut“ empfiehlt sich für den durchschnittlichen Philosophie-Interessierten als gute Unterhaltungslektüre vor dem Schlafengehen. Dabei sollte man aufpassen, sich von seinem ungehaltenen Optimismus nicht zu sehr einfangen zu lassen.

Wer sich für skurille Anekdoten und entlarvte Lügengeschichten interessiert, der wird in diesem Buch im Übermaß bedient. Nur aus diesem einem Buch lassen sich eine Menge an spannenden Geschichten herausfiltern. Einige habe ich vor Längerem auf meinem Instagram: @meyerjark.de illustriert.

https://www.instagram.com/p/CebwYxRM8hb/

Besonders ermutigend und persönlich am spannendsten fand‘ ich die Beispiele für alternative Lehrkonzepte, von denen Bregman am Ende erzählt. Im Großen und Ganzen hatte das Buch doch viele originelle Ideen und das muss man ihm – trotz meiner Abneigung gegen den Argumentationsstil – zugutehalten.